Zu Magnus Klaue und Intersex

Magnus Klaue, der Prototyp des nervigen Philosophiestudenten in der ersten Reihe, der bis zur letzten Minute des Seminars wartet, um seine Notizen zur Sitzung zu verlesen und damit die Kommiliton_innen um den Fortschritt der Diskussion und ihre Pause betrügt, hat sich jüngst in der BAHAMAS (Nr. 69, 2014) mit der ihm eigenen Mischung ressentimentgeladener Polemik, Indifferenz und begrifflicher Unschärfe über das Thema Intersexualität ausgelassen. Wie bereits in seinen Essays zum Mädchenmannschaft-Blog[1] oder zum Gender-Gap[2] versucht Klaue auch in diesem Fall den „Sexus“ vor vermeintlich lustfeindlichen Interventionen geschlechtskritischer Akteur_innen zu retten. Die Bemühungen, um eine juristische Anerkennung „zwischengeschlechtlicher“ Menschen, sei „Symptom der zivilgesellschaftlichen Sehnsucht nach totaler Verschmelzung von Öffentlichem und Privaten von Bürger und Staatsbürger, von gesellschaftlicher Rolle und Selbstgefühl, vom Sex als sozialer Identität und Sexus als Form der Erfahrung“. Prägnant fasst das Editorial der BAHAMAS zusammen: „An die Stelle der Trennung von Staat und Bürgerlichkeit soll Das gefühlte Geschlecht treten. Die Förderer von Intersexualität [sic!] arbeiten an der Eindampfung des Sexus zur Rechtsform.“[3]

Klaue konstatiert, die Bezeichnung „Intersexuell“ oder „Inter*“ sei „wesentlich eine Selbstbeschreibung“ ,was die Affinität genderkritischer Theoretiker_innen zum Phänomen erkläre. Sie ziele auf eine „Objektivierung dieses Selbstgefühls“, sich nicht mit dem medizinischen, juristischen oder gesellschaftlich zugewiesenen Geschlecht zu identifizieren und bezeichne folglich „nicht einfach eine Erscheinung der Wirklichkeit“. Nun braucht es keine Vertreter_innen von Standpunkttheorien oder radikalem Konstruktivismus um jene „Erscheinungen der Wirklichkeit“, an denen Klaue hier festzuhalten scheint, infrage zu stellen, sondern lediglich die doch sehr simple Feststellung, dass Intersexualität, seit es zum Gegenstand der Medizin wurde, vom positivistischen und normativen Gepräge dieser Wissenschaft gesellschaftlich bestimmt ist. Die Objektivierung des Selbstgefühls ist vor diesem Hintergrund der Versuch, gegen das Übergewicht einer klassifizierenden Logik anzukämpfen, welche in der klinischen Praxis daran arbeitet, Differenzen zu beseitigen. Dahinter steht nicht, wie Klaue glaubt, die Zurückweisung „medizinischer, juristischer und soziologischer Begriffsbildung als repressiv“, wohl aber die Zurückweisung der Art und Weise, wie diese Arbeit von statten geht. Auch wenn die Betroffenenperspektive hier sicher erhellend wirken kann, ist sie als Standpunkt nicht Voraussetzung der Kritik des unsäglichen gesellschaftlichen Umgangs mit Intersexualität.

Allerdings wittert Klaue – wie sonst auch beharrlich – hier anscheinend das Konzept der Definitionsmacht am Werk, welches abermals unheilvoll den Anspruch auf Wahrheit desavouiere. Dem sich zur „Objektivität aufspreizende Voluntarismus“, der in der Selbstbeschreibung intersexueller Menschen angelegt sei, hält Klaue etwa den Bedeutungsreichtum mythologisierter Bezeichnungen wie „Hermaphrodit“ oder „Zwitter“ entgegen[4], dessen Fortleben zu beobachten sei in „Horrorgeschichten, deren Monster sich, von den Werken H. P. Lovecrafts bis zu Ridley Scotts Alien, durch bedrohliche Mehrgeschlechtlichkeit auszeichnen“. Es verdient diese stumpfe Provokation keine Würdigung, doch ist das Beispiel insofern sinnfällig, als dass in Alien die titelgebende Kreaturen konsequent zum Ende der Filme aus irgendwelchen Weltraumluken katapultiert werden, um im All zu verenden.

Die hart erkämpfte juristische Möglichkeit, kein Geschlecht in der Geburtsurkunde anzugeben, psychologisiert Klaue als „libidinöse Besetzung des Staatsdokuments“, als „Fetischisierung der qua Pass zertifizierten staatsbürgerlichen Geschlechtsidentiät“. Dass damit ein Werkzeug gegeben ist, geschlechtsnormierende, zumeist irreversible Operationen, welchen Säuglinge oftmals in den ersten Lebensmonaten ausgesetzt wurden, aufzuschieben, interessiert Klaue dabei kaum. Vielmehr stört ihn, dass die Kritik an solchen Operationen nicht ins Verhältnis „zur aus kulturellen Gründen vorgenommenen Beschneidung oder zu anderen, gesundheitlich nicht notwendigen chirurgischen Eingriffen an Kindern zu beurteilen sind“, gesetzt wird. Die Antwort darauf, warum eine derartige Verhältnisbestimmung eigentlich notwendig sein soll, bleibt Klaue schuldig. Statt dessen moniert er: „dass es sich in jedem Fall um für das Kind schädliche, traumatische Langzeitfolgen hervorrufende Verstümmelung handele, blieb vielmehr dekretorisch vorausgesetzt.“. Völlig absurd muss dieser Vorwurf vor dem Hintergrund erscheinen, dass geschlechtsnormierende Operationen seit den 60ern mit der empirisch vollkommen unbegründete Prämisse legitimiert wurde, Kinder, die diesen Operationen nicht unterzogen werden, müssten unter psychosozialen Spätfolgen leiden.

Aufgrund Hypothesen über das Duschkabinenverhalten von Jugendlichen oder das Elend welches einen Mann wohl erwartet, wenn er nicht im stehen pinkeln kann, wurden und werden medizinisch unnötige, gefährliche und schmerzhafte invasive Eingriffe vorgenommen oder Hormone verschrieben. Allein diese Praxis aufzuschieben kann für „Betroffene“ ein großer Fortschritt sein – eine Gonadektomie etwa lässt sich nicht mehr rückgängig machen, selbst wenn in der Pubertät ein Virilisierungsprozess einsetzt, muss mit der ärztlich verschriebenen „Lösung“ weitergelebt werden.

Der Umgang mit Intersexualität oblag also, seit das Phänomen zum medizinischen Gegenstand wurde, nie dem bürgerlichen Individuum, sondern ideologischen Staatsapparaten. Eine Politik, die darauf zielt der schlechten oktroyierten Praxis Einhalt zu gebieten, muss eben auch auf juristischer, staatspolitischer Ebene handeln. Hier zu vermuten, es werde die Anerkennung durch den Staat fetischisiert und damit einmal mehr das Subjekt um sein Glück, seine Freiheit, seinen Sexus oder was Magnus Klaue sonst noch für leere Signifikanten einfallen, betrogen, ist reiner Zynismus.

[1] http://www.konkret-magazin.de/aktuelles/aus-aktuellem-anlass/aus-aktuellem-anlass-beitrag/items/das-gelebte-nichts.html (letzter Aufruf: 22.11.2014)

[2] In Teilen nachzulesen hier: http://oxymoron.blogsport.de/2012/12/13/magnus-klaue-gegen-unterstrich-und-co/ (letzter Aufruf: 22.11.2014)

[3] http://www.redaktion-bahamas.org/heft-archiv.html#Nr69 (letzter Aufruf: 22.11.2014)

[4] Natürlich ungeachtet dessen, dass innerhalb der „Community“ diese Begriffe selbst teilweise emphatische Verwendung finden. Vgl. etwa Kathrin Zehnders Dissertation Zwitter beim Namen nennen: Intersexualität zwischen Pathologie, Selbstbestimmung und leiblicher Erfahrung (2010. Bielefeld: transcript-Verlag)
 

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